Kastration und Tierschutz

Immer mehr Organisationen im Auslandstierschutz gehen dazu über, Straßenkatzen und -hunde nicht nach Deutschland zu holen, sondern die Tiere vor Ort zu kastrieren und in ihrem Lebensraum zu belassen.

Für dieses Vorgehen gibt es gute Gründe!

Zum einen ist das Schicksal der einzelnen Tiere hier in Deutschland nicht immer vorherzusehen. Einige Hunde (besonders die mit Jagdpassion) haben Schwierigkeiten, sich in unserem dicht besiedelten Land mit sehr eingeschränktem Freilauf einzugewöhnen. Außerdem macht es die Gesetzgebung immer schwerer, Tiere aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland auszufliegen.

Zum anderen ist es eine biologische Tatsache, dass jeder frei werdende Platz in einer Streunerpopulation alsbald wieder besetzt wird, entweder durch Nachwuchs oder durch Zuwanderung.

Meist wird die Unfruchtbarmachung beider Geschlechter durch Kastration gewählt.

Biologen halten dies jedoch teilweise für ein Denkfehler. Das Mittel der Wahl für Rüden ist aus ihrer Sicht die Sterilisation!

Zur Erinnerung: bei der Kastration werden die Keimdrüsen (Hoden und Eierstöcke) entnommen. Dadurch wird die Produktion von Geschlechtshormonen stark eingedämmt (eine Rest-Produktion erfolgt weiterhin durch die Nebennierenrinde) und die Fortpflanzung verhindert.

Bei der Sterilisation werden lediglich die Leitungsbahnen der Keimdrüsen unterbunden, sprich Eierstöcke und Hoden bleiben erhalten. Die Tiere haben weiterhin ihren normalen Geschlechtstrieb und paaren sich, jedoch ohne Nachwuchs zu produzieren.

Was sind nun die Folgen und warum würden Biologen für Streunerpopulationen die Sterilisation der Rüden wählen?

Kastraten verlieren ihren Geschlechtstrieb. Dadurch verändert sich die Rangordnung der Männchen, denn der bislang ranghohe, aber jetzt kastrierte Rüde wird nicht mehr um die sexuelle Vorrangstellung kämpfen. Ein kastrierter Rüde ist natürlich auch für die Weibchen nicht mehr attraktiv.

Für kastrierte Hündinnen ändert sich in ihrem Sozialverhalten kaum etwas. Sie werden weiterhin ihre sozialen Beziehungen pflegen, sich ggf. an der Jungenaufzucht der anderen Weibchen beteiligen etc. Evt. kann sich die Rangordnung ändern, aber auch kastrierte Hündinnen sind auf ihren Status bedacht.

Für die Rüden ändert sich aber fast alles! Kastrierte Rüden verringern ihr Revier dramatisch, denn der Trieb, die Gene weiterzugeben, ist ja genommen. Dies ermöglicht potenten Rüden, zuzuwandern, die bisherige Stellung des vorigen „Amtsinhabers“ zu übernehmen und an seiner Stelle die Damenwelt zu beglücken. Kastrierte Rüden oft als „Rammelopfer“ bei sexueller Frustration potenter Rüden. Durch die Zuwanderung ist innerhalb kürzester Zeit der Urzustand wieder hergestellt.

Denn – machen wir uns nichts vor – alle Hunde einer Streunerpopulation wird man nie einfangen können.

Und so kommen wir zum großen Vorteil der Sterilisation:

Es ändert sich nichts!

Das gesamte Verhaltensrepertoire, das Sexualverhalten, die Entwicklung der Rangordnung – alles bleibt erhalten – es wird lediglich (und das ist ja der entscheidende Faktor!) die Reproduktion unterbunden.

Medizinisch gesehen ist die Sterilisation des Rüden eine etwas aufwändigere Operation als die Kastration. Während bei der Kastration durch einen kleinen Schnitt die Hoden entfernt werden und das Tier im Regelfall keine Nachsorge benötigt, wird die Sterilisation durch einen Bauchschnitt vorgenommen, der genäht und versorgt werden muss. Allerdings ist es durch die modernen endoskopischen Methoden möglich, diese Operation sehr schonend durchzuführen.

Daher ist es anzuraten, dass die Auslands-Tierschutzvereine hier umdenken und bei Rüden Sterilisationen statt Kastrationen durchführen lassen. Der Mehraufwand durch die Nachsorge hält sich im Rahmen, da für die Hündinnen sowieso eine Betreuung erforderlich ist.

Aber es ist natürlich die Frage zu stellen, ob man unsere Haushunde überhaupt kastrieren muss. Denn immerhin handelt es sich um einen, der Tierschutzrelevanz hat, soweit keine medizinischen Gründe vorligen (§ 6 TSchG).

Ein Rüde, der erkennbar leidet, nicht mehr frisst und jaulend am Gartenzaun sitzt, wenn läufige Hündinnen in der Gegend sind, mag tatsächlich als Kastrat ein ruhigeres Leben führen. Gerade in dicht besiedelten Gegenden sind die Rüden oft sexuellen Reizen ausgesetzt, vor allem, da Hündinnen nicht mehr nur im Frühjahr und Herbst läufig werden, sondern die Zyklen sich übers ganze Jahr erstrecken können. Ausgeglichene, gut sozialisierte und erzogene potente Rüden sind im Übrigen nicht aggressiver als kastrierte Rüden.

Und es ist durchaus zuzumuten, einen Hund gleich welchen Geschlechts auch mal an die Leine zu nehmen. Bei einer Mehrhundehaltung ist es sinnvoll, den Rüden zu sterilisieren. Eine Kastration aller Hunde wird häufig vorgenommen, ist biologisch gesehen aber unnötig.

Bei der Hündin verhindert die Kastration die Läufigkeit und hormonell bedingte Krankheiten wie z.B. Eierstockzysten und Gebärmutterentzündungen. Andererseits kann es bei kastrierten Weibchen zu Harnträufeln (Inkontinenz) kommen. Das Risiko von Gesäugetumoren ist nachweislich nicht erhöht, wenn die Hündin erst nach der ersten Hitze kastriert wird. Auch Scheinträchtigkeit kann man durch eine Kastration nicht (völlig) verhindern, da das Brutpflegeverhalten mehr von äußeren Reizen und der diesbezüglichen Neigung der Hündin abhängt als von der Hormonproduktion.

Die verhaltensbedingte Kastration ist überaus genau zu erwägen, denn viele Mechanismen sind nicht hormonell gesteuert, sondern erlernt oder stressbedingt. Gründe für eine Kastration können vorliegen beim Rüden bei Hypersexualität und übersteigerter Wettbewerbsaggression (z.B. Rangordnungskämpfe) und bei der Hündin bei Angstaggression. Das Vorliegen dieser Indikationen sollte durch eine Fachfrau/einen Fachmann sorgfältig geprüft werden.

Die Entscheidung zur Kastration sollte nie aus Bequemlichkeit getroffen werden, auch nicht im Tierschutz.

Andrea Schäfer
Tierpsychologin/Tierheilpraktikerin
September 2008

Quellen/Literatur:

PD Dr. Udo Gansloßer, Seminar „Auswirkungen der Kastration beim Hund“, Düsseldorf 2007

Dr. Gabriele Niepel: „Kastration beim Hund“

Dr. Gabriele Niepel: „Bielefelder Kastrationsstudie“

Deutscher Tierschutzbund, www.tierschutzakademie.de/00820.html

Angaben im Sinne des Presserechts:

Andrea C. Schäfer, thp-schaefer.de