„Hunde würden länger leben, wenn …“

Rezension

Dr. med.vet. Jutta Ziegler: „Hunde würden länger leben, wenn… Schwarzbuch Tierarzt“

Ca. 8,2 Millionen Katzen und 5,4 Millionen Hunde leben derzeit in deutschen Haushalten. Nahezu all diese Vierbeiner werden regelmäßig mit sinnlosen Impfungen, chemischen Medikamentenkeulen und abstrusen Diätfuttermitteln traktiert und so regelrecht krank therapiert. Dieses Enthüllungsbuch zeigt die Missstände in unseren Tierarztpraxen und deckt die Verflechtungen zwischen Tierarzt- Geschäft und der Futtermittelindustrie auf. Die Tierärztin Jutta Ziegler informiert anhand von praktischen Fallbeispielen, wie unsere Hunde und Katzen eben nicht behandelt und ernährt werden sollten. Der verantwortungsbewusste Tierbesitzer erhält in diesem Buch Tipps und Ratschläge, wie er sein Tier und sich selbst vor korrupten und gewissenlosen Tierärzten schützen kann, die die Gesundheit der ihnen anvertrauten Tiere zugunsten ihrer eigenen Brieftasche in verantwortungsloser Weise aufs Spiel setzen. Dieses Buch sollte für jeden Tierhalter, dem das Wohl seines Tieres am Herzen liegt, Pflichtlektüre sein!“
Kurzbeschreibung aus
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Ein Hundebuch in einer Katzenzeitschrift? Keine Bange – bereits das erste Kapitel beschreibt den Fall eines Katers mit Harnsteinen. Denn das Buch spricht Halterinnen und Halter von Hunden und Katzen in ausgewogenem Verhältnis an. Und schließlich wohnen in etlichen felinen Haushalten auch Caniden.

Anhand von Fallbeispielen beschreibt die Autorin, wie falsche Ernährung, überhöhter Antibiotika- und Kortisoneinsatz und unkritische Verabreichung von Impfstoffen unseren Tieren schaden können.

Zu Recht prangert sie die Praxis an, in Industriefuttermitteln Getreide zur Hauptnahrung von Fleischfressern zu machen. Als Alternative empfiehlt sie ausschließlich Rohfütterung („BARF“). Prinzipiell befürworte ich, Tiere so naturnah wie möglich zu ernähren! Aber deswegen jegliches Fertigfutter zu verdammen, kann auch nicht der ausschließliche Weg für jeden „Dosenöffner“ sein. Hier hätte ich mir mehr Objektivität gewünscht, zumal es inzwischen etliche Hersteller gibt, die wirklich gute Tiernahrung zubereiten (auch wenn man diese natürlich nicht „an jeder Ecke“ bekommt). Rohfütterung setzt ein gewisses Grundwissen über Ernährung voraus – kein Hexenwerk, das man nicht lernen kann! – aber eben auch nicht aus der Hand geschüttelt. Dass eine falsch verstandene Rohfütterung zu Mangelerscheinungen führen kann, hat Frau Ziegler nicht erwähnt (z.B. Gicht bei den früheren „Metzgerhunden“, hauptsächlich Rottweiler, die früher ausschließlich mit Schlachtabfällen gefüttert wurden). Auch dass eine Allergikernahrung ggf. andere Bestandteile benötigt (und zwar auch in der Rohfütterung), wird nicht ausreichend genannt. Selbst gekochte Tiernahrung kann übrigens ebenfalls vollwertig sein, gerade Gemüse ist gekocht oft besser verwertbar. Es reicht eben nicht, den Tieren einfach einen Fleischbrocken mit etwas Gemüse, Kräutern und einem Löffelchen Öl vorzusetzen, und dann sei alles gut. Es fehlt z.B. der dringende Hinweis keinen rohen Süßwasserfisch zu füttern (Zerstörung des lebenswichtigen Vitamins B1 durch die enthaltene Thiaminase). Auch Obst sollte wegen des Zuckergehalts nur sehr eingeschränkt angeboten werden. Der Tipp mit der Heilerde ist aber gerade bei der Nahrungsumstellung und bei Entgiftung auf jeden Fall sinnvoll.

Wichtig wäre auch noch gewesen zu erwähnen, dass eine Ernährungsumstellung nicht „sofort“ wirkt. Bevor sich z.B. Haut und Fellqualität bessert, kann es 6-8 Wochen dauern, denn solange benötigt der Stoffwechsel, um Schadstoffe auszuscheiden.

Den Fall des nierenkranken Katers kann ich leider bestätigen, diese Problematik sehe ich in der Praxis immer wieder. Und hier ist tatsächlich die Ernährung Hauptauslöser (z.B. zu häufige Trockenfuttergabe).

Allerdings ist Frau Ziegler selbst nicht ganz konsequent. Sie verurteilt einerseits Tierärzte, die Fertigfutter in ihrer Praxis anbieten, betreibt jedoch selbst ein Ladengeschäft und einen Online-Futtershop. Es handelt sich zwar um hochwertige Produkte, aber Werbung bleibt es eben doch. Und auch „kaltgepresstes“ Hunde-Trockenfutter bleibt Trockenfutter mit all‘ seinen (Vor- und) Nachteilen.

Leider wurde nur in einem Nebensatz erwähnt, warum Tierärzte so wenig über Ernährung wissen, obwohl sie es doch studiert haben müssten. Das gesamte Fach der Tierernährung wird an den Universitäten nicht „objektiv“ gelehrt, sondern von der Nahrungsindustrie gesponsert und beworben, denn Forschungsergebnisse werden wechselseitig genutzt. Auch die Fachliteratur kommt im Regelfall nicht ohne „Werbeseiten“ der Pharmaindustrie und Nahrungshersteller in die Regale und kein Tierärztekongress lässt sich ohne Sponsorengelder (und Werbung) finanzieren. Ein Tierarzt, der dem Ganzen nicht kritisch gegenübersteht und sich z.B. über die natürliche Ernährung der „wilden Verwandten“ oder Inhaltsstoffe von Medikamenten kundig macht, bekommt also „gefilterte“ Informationen, die er natürlich auch an den Tierhalter weitergibt.

Übrigens lernen Tierärzte im Studium auch so gut wie nichts über Alternativen zu „OP und Chemie“. Das liegt in der Natur eines Universitätsstudiums, da die sog. Komplementärmedizin kaum gelehrt wird. Daher wenden die meisten Veterinärmediziner „Schulmedizin“ an – sie kennen es nicht anders. Hut ab vor jedem Tierarzt (und es werden immer mehr!), die sich z.B. über Pflanzenheilkunde, Akupunktur, Homöopathie oder Ernährung „schlau machen“ und dies in der Praxis anwenden. Dies erfordert aber einen hohen finanziellen und zeitlichen Einsatz, den man sich z.B. als kleiner Assistenzarzt häufig gar nicht leisten kann!

Was mich am Buch jedoch mehr ärgert, ist, wie „schludrig“ mit medizinischen Begriffen und aktuellen Entwicklungen umgegangen wird. Ich schiebe diese Fehler mal auf das Lektorat, denn es darf in einem Sachbuch einfach nicht sein, dass

  • weibliche Tiere immer noch „sterilisiert“ werden, obwohl man Kastration meint
  • „iatrogen“ mit „vom Arzt verursacht“ übersetzt wird („iatrogen“ heißt einfach, dass man die Ursache nicht kennt, und das hat nichts mit Unwissen zu tun!)
  • als Ursache von Knochen- und Gelenksdeformationen (HD, ED etc.) hauptsächlich die Ernährung genannt wird. Sicherlich spielt die Ernährung des Junghundes eine große Rolle, aber die Problematik wird m.E. hauptsächlich durch den Wunsch des Menschen (!) nach immer größeren Tieren (denn es betrifft immer häufiger auch große Katzenrassen, nicht nur Hunde) ausgelöst, ist also zucht- und rassebedingt. Hier muss also dringend angesetzt werden (Zuchtauslese und „Augen auf beim Welpenkauf“!), erst in zweiter Linie bei der individuellen Welpen- und Jungtierentwicklung. Wichtige und inzwischen anerkannte Alternativmethoden zur Schmerzbekämpfung wie z.B. die Goldakupunktur wurden gar nicht genannt.
  • man Fertigfutter „für großwüchsige Hunde“ für zu energiereich beschreibt (denn diese Nahrung wird seit Jahren gezielt energiearm hergestellt, weil die Probleme bei zu schnellem Wachstum bekannt sind)
  • der Eindruck erweckt wird, dass „jede“ Katze ein Impfsarkom bekommt. Das Fallbeispiel war extrem, die Katze deutlich „überimpft“. Zum Glück treten Impfsarkome nur bei etwa 1-3 pro 10.000 der geimpften Katzen auf, aber jeder dieser betroffenen Stubentiger hat einen tragischen Leidensweg vor sich. Leider fehlt im Buch der Hinweis darauf, dass man Katzen am besten nicht mehr zwischen den Schulterblättern, sondern stattdessen an der Brust oder am Hinterbein spritzen (lassen) und sich die Impfstelle merken sollte, denn an diesen Körperregionen kann im Fall der Fälle viel besser operiert werden.
  • L-Tryptophan und Alpha-Casozepin „Teufelszeug“ sein sollen. Diese beiden Wirkstoffe natürlichen Ursprungs sind in bestimmten Fällen gerade in der Verhaltensmedizin äußerst wirksam und über einen begrenzten Zeitraum sehr sinnvoll einzusetzen (allerdings tatsächlich nicht in der täglichen Nahrung). Pflanzliche „Beruhigungstropfen“ vertreibt Frau Ziegler übrigens selbst.
  • das Aujeszky-Virus (im Buch falsch geschrieben) ausgerottet sei. Erst 2006 und 2009 gab es wieder vereinzelte Fälle in Deutschland, 2010 starben mehrere Hunde in Österreich am Verzehr von Wildschweinfleisch. Als „aujeszky-frei“ gilt in Europa derzeit nur der skandinavische Raum und Großbritannien.
  • es keine Anpassung an eine geänderte Ernährung gibt. Man hat bei einigen Hunderassen festgestellt, dass sich die Darmlänge im Vergleich zum Wolf bereits verändert hat. Diese Hunde sind mit ihrer verlängerten Darmpassage in der Lage, mehr pflanzliche Stoffe zu verwerten (was natürlich kein Argument für Fertigfutter ist; und bei der Katze hat sich die Darmlänge bislang nicht verändert).
  • dass Rohknochenfütterung „völlig“ unproblematisch sei. Hunde müssen sich erst an Knochenfütterung gewöhnen, wenn sie bislang nur Fertigfutter erhalten haben. Sonst kann es durchaus zu Verstopfung (oder im Gegenteil zu Durchfall) kommen. Ich selbst kenne Hunde, die Knochen nur gewolft (und daher streng „dosiert“ in einer Mischkost) vertragen. Prinzipiell rate ich aber ebenfalls zur Fütterung von rohen fleischigen Knochen (z.B. an einem ganzen rohen Hühnerflügel haben Katze viel Spaß und sie „lutschen“ sogar noch das Mark aus!)

Am meisten erschüttert hat mich die Beschreibung eines Welpen, der am Nackenfell geschüttelt wird, weil er ein unerwünschtes Bächlein abgesetzt hat. Von wem stammen diese „Erziehungsmethoden“: vom Tierhalter oder gar von der Autorin? Nein, in „ernst zu nehmenden Erziehungsbüchern“ steht so etwas seit Jahren nicht mehr! Selbst wenn man nicht in der Verhaltensmedizin geschult ist, sollte man mitbekommen haben, dass diese Handgreiflichkeiten (wie z.B. auch die Nase in den Urin oder Kot zu drücken) völlig unnütz und für die Tier-Mensch-Beziehung absolut kontraproduktiv sind…

Bei den Beispielen der „Light-Futtermittel“, künstlicher Ergänzungsstoffe und ähnlicher neumodischer Ernährungs-Auswüchse bin ich dann wieder ganz bei Ziegler. Nicht ohne Grund raten unabhängige Ernährungswissenschaftler auch uns Menschen, auf Fertignahrung weitgehend zu verzichten und selbst aus natürlichen Zutaten zu kochen.
Ebenso ist die unreflektierte Gabe von Psychopharmaka tatsächlich strikt abzulehnen.

Was bei den ganzen Fallbeispielen fehlt, ist die differenzialdiagnostische Betrachtung, also das „Was hätte es denn noch sein können“? Vielleicht hätte man den bauchwehgeplagten Hund auf Einzeller testen sollen. Eine andere Beschreibung hätte mich zur Thematik der Schilddrüsenfunktionsstörungen geführt, der Kater mit „Pinkelproblem“ hätte verschiedene Arten von Harnsteinen haben können, die jeweils eine ganz unterschiedliche Herangehensweise erfordern. So zieht sich das leider durch das ganze Buch.

Dass Antibiotika durch viel zu häufige Gabe bei einigen Erregern bereits zu Resistenzen geführt haben, wurde erwähnt. Dass einige äußere und innere Parasiten gegen chemische Wurmkuren, Spot-On-Präparate oder Halsbänder immun sind, hingegen nicht. Sehr wichtig jedoch der Hinweis auf die Nebenwirkungen! Es gibt immer mehr Tiere, die diese Mittel nicht. Ein Hinweis auf eventuelle Alternativen zur chemischen Entwurmung (außer die Ernährungsumstellung) wäre sinnvoll gewesen!

Der Einsatz von Corticosteroiden („Kortison“) überdeckt häufig nur das Symptom einer Grunderkrankung… ja, das stimmt. Kortison ist aber ein sehr wichtiges und lebensrettendes Medikament, wenn es z.B. zu schweren Allergiesymptomen kommt. Nicht jede Gabe von „Chemie“ ist verdammenswert!

Dass (zumindest) in Deutschland viel zu lange zu häufig und damit unnötig geimpft wurde, lässt sich durch unabhängige Studien längst belegen. Daher sind die sog. „Impfintervalle“ auch vor einigen Jahren angepasst worden, wenn auch m.E. noch nicht sinngerecht. Natürlich sind Impfungen ein Riesengeschäft – für den Tierarzt, aber vor allem für die Pharmaindustrie! Andererseits wird dem Tierarzt vom Tierhalter aber auch eine Art „Haftung“ (Gesundheit um jeden Preis!) auferlegt. Diese kann der Mediziner aber (ebenso wie in der Humanmedizin) nicht erfüllen. „Heilung“ und Freiheit von Krankheit kann man immer nur versuchen, aber nicht garantieren! Hält der Tierarzt nun aus diesem Grund die Impfempfehlungen des bpt ein, handelt er aus Vorsicht. Denn man weiß ja nicht, ob es nicht doch einmal zu einem (teuren) Haftpflichtfall kommt… Hier ist also auch der informierte und kritische Tierhalter gefragt! Letztlich entscheidet nämlich der Tierhalter, wie oft und gegen welche Erkrankungen ein Tier geimpft wird – und trägt auch die Verantwortung dafür. Verpflichtungen gibt es nur bei Auslandsreisen, Ausstellungsbesuchen oder Pensionsaufenthalten. Polemisch sämtliche Impfungen zu verdammen, wird der Sache nicht gerecht (und wird auch in der angegebenen Literatur-Quelle nicht empfohlen).

Insofern hat das Buch bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Die Ansätze sind gut, und ich hoffe, das Buch wird jeden Leser zum Hinterfragen der Allopathie (Schulmedizin) und vor allem der Ernährung führen! Wachrütteln wird die Lektüre also (hoffentlich) auf jeden Fall.

Pauschal alle Schulmediziner wegen dem, was sie tun oder nicht tun, zu verurteilen, kann aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Natürlich kommen zu mir als Tierheilpraktikerin auch die „Fälle“, bei denen die Schulmedizin nicht zum Erfolg führte. Aber ohne Tierarzt geht es nicht, alleine schon der diagnostischen Möglichkeiten wegen (z.B. Röntgen), aber auch weil die Schulmedizin vor allem im Notfall unzählige Tiere vor dem (zu frühen) Tode bewahrt!

Ein wenig mehr Objektivität hätte dem Buch also gut zu Gesicht gestanden. Denn dass manches aus rein wirtschaftlichen Interessen schief läuft, ist unbestritten! Aber man muss sich dann auch konstruktiv mit der Materie (und den Kollegen) auseinandersetzen. Und ich frage mich natürlich, ob nicht mancher Tierhalter nach dem Lesen stark verunsichert ist – und dann womöglich einen erforderlichen Tierarztbesuch hinauszögert.

Dieses Buch kann keinen guten Tierarzt ersetzen – und die gibt es! Vielleicht schon im Nachbarort! Und es ist auch wichtig und richtig, dass sich manche Tierärzte auf ein Fachgebiet spezialisieren. Wie in der Humanmedizin sollte man zunächst zum Hausarzt gehen und danach ggf. einen Facharzt aufsuchen.

Wichtig ist, dass auch die Tierhalter umdenken! Solange wir immer noch lieber eine „Pille“ geben, statt die wirklichen Ursachen einer Erkrankung zu suchen – solange wir es eben „einfach“ haben wollen, statt den „umständlicheren“ Weg der umfassenden Diagnostik zu gehen – solange wir alles glauben, was die Industrie uns mit enormem Werbeaufwand suggeriert – solange wir unsere Tiere fett füttern statt tiergerecht ernähren und beschäftigen… solange wird sich auch die Gesundheit und medizinische Versorgung unserer Tiere nicht verbessern.

Tierhalter müssen „mündiger“ werden und Tierärzte sich auf kritische Gespräche einlassen und ihr Tun hinterfragen – zum Wohl unserer geliebten Vierbeiner!

Wenn das Buch dazu führt, empfehle ich es gern!

Andrea Schäfer
Tierheilpraktikerin/Tierpsychologin
www.thp-schaefer.de

31.05.2011