Das ist MEIN Revier!

Fallstudie aus der tierpsychologischen Praxis

Revierkampf – Kater und Katze

Ein Ehepaar konsultiert mich wegen ihres Katers Mike, der die neu aufgenommene Kätzin Minnie ständig attackiert.

Das Ehepaar wohnt im Erdgeschoss eines Zweifamilienhauses mit Garten. Der Garten ist für Katzen derzeit nicht zugänglich (Autobahnnähe), soll jedoch zukünftig gesicherten Freilauf bieten. Die obere Wohnung des Hauses wurde bis vor kurzem von der Mutter des Ehemannes bewohnt, die jedoch in ein Seniorenstift umgezogen ist. Die beiden Katzen der Mutter, mit denen sich der Kater gut verstanden hat, sind mit ihr weggezogen.

Derzeit ist das Obergeschoss „gesperrt“, weil das Ehepaar diese Wohnung zu eigenen Wohnzwecken umbaut.

Damit Mike nicht so allein ist, hat das Ehepaar eine Katze aus dem Tierschutz aufgenommen. Der Kater greift diese aber regelmäßig an. Sie versteckt sich dann hinter zwischengelagerten Möbelstücken oder im Keller und leidet sichtlich, weil sie sich nicht frei bewegen kann.

Die einzige Kontaktaufnahme der Katzen geschieht beim Fressen – hier toleriert Mike Minnie neben sich. Allerdings muss sie sofort weichen, sobald die Näpfe leer sind.

Wir müssen nun eine Strategie entwickeln, wie beide Katzen sich ungezwungen in ihrem Lebensraum bewegen können.

Da der Kater die Nacht freiwillig in einem „Katzenzimmer“ verbringt, kann die Katzen-Dame nachts im Erdgeschoss bei den Menschen sein. Tagsüber wird ihr vorübergehend ein Zimmer mit allem was sie benötigt im Obergeschoss eingerichtet, das der Kater wiederum nicht betreten darf.

Zwischen den „Katzenreichen“ werden Spielzeug, Decken, Körbe und Kratzbäume wöchentlich getauscht, damit beide Katzen den Geruch der jeweils anderen übernehmen.

Nach einigen Wochen haben sich beide Katzen an die neue Situation gewöhnt. Das Weibchen hat nun ihr eigenes Revier und pendelt zwischen Obergeschoss tagsüber und Erdgeschoss nachts hin und her.

Der Kater hingegen sitzt tagsüber öfter vor der Tür des Obergeschosses. Die beiden Katzen nehmen durch den Türspalt Kontakt auf, dieser Kontakt wird nach und nach freundlicher, bis sie schließlich spielerisch pföteln.

Der nächste Schritt ist, dass Kätzin und Kater tagsüber bei den Umbauarbeiten dabei sein dürfen. Anfangs ist Minnie in ihrem Zimmer noch durch eine Gittertür abgetrennt, aber unter Aufsicht dürfen sich die beiden Tiere nun auch begegnen. Wenn der Kater „stänkert“, kann sie in ihr Zimmer flüchten. Dies ist aber immer seltener der Fall, da Mike ihr Revier akzeptiert.

Nun soll die Zusammenführung auch im Erdgeschoss erfolgen. Das Ehepaar besorgt auf mein Anraten einen Feliway-Zerstäuber („Wohlfühl-Pheromon“ für Katzen), der im Hauptraum des Erdgeschosses in die Steckdose gesteckt wird.

Ca. eine Stunde vor dem „Schlafengehen“ werden die Türen geöffnet und Minnie darf ins Erdgeschoss kommen, während Mike noch dort ist. Auch hier kommt es anfangs noch zu etwas Gefauche. Da aber die Kätzin jederzeit nach oben flüchten kann, wird sie selbstbewusster. Der Kater akzeptiert immer mehr ihre Anwesenheit, scheint sie immer öfter zu „erwarten“.

Als dieser Zustand erreicht ist, bleiben die Türen auf. Mike geht zwar auch weiterhin zum Nachtschlaf in sein „Katzenzimmer“, aber ansonsten bewegen sich beide Katzen frei im Haus.

Nach ca. 6 Monaten ist die Zusammenführung so gelungen, dass beide Katzen sogar miteinander kuscheln und sich gegenseitig pflegen.

Der Fall zeigt, dass Verhaltenstherapie häufig nicht in Tagen gemessen werden kann. Wochen- und monatelanges Management mit regelmäßigem Zuspruch an die Tierhalter kann erforderlich sein, um das Ziel zu erreichen.

Andrea Schäfer
Tierheilpraktikerin / Tierpsychologin
www.thp-schaefer.de
Erstveröffentlichung „Paracelsus-Magazin“ 06/2010