Ernährung und verhalten

Du bist, was du isst!“ Auswirkungen der Ernährung und Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Katzenverhalten

Nachdem beim Menschen ein Trend zum „functional food“ festzustellen ist, kommen auch in der Tierernährung immer mehr Futtermittel auf den Markt, die einen Zusatznutzen haben sollen. Der neuste Trend ist Futter, das Einfluss auf das Katzenverhalten nehmen soll.

von Andrea Schäfer

„Functional food“ soll zumeist Defizite der herkömmlichen Ernährung ausgleichen. Beim Menschen bedeutet dies der Zusatz von künstlichen Vitaminen, darmregulierenden Bakterien oder anderen gesundheitsfördernden Additiven, wobei deren tatsächlicher Nutzen in den meisten Fällen bis heute wissenschaftlich nicht bewiesen ist.
Auch Hunde und Katzen kommen längst in den Genuss solcher besonderer Futtermittel. Einst hat es damit begonnen, durch verschiedene Nährwertanteile Nahrung für junge, erwachsene und alte Tiere herzustellen. Seit einigen Jahren gibt es auch Futter für verschiedene Hunde- und Katzenrassen, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Tiere Rechnung tragen sollen. Der neueste Trend ist Futter, das auf das Verhalten Einfluss nehmen soll. „Wie soll das gehen“, fragen Sie sich vielleicht nun als Katzenhalter. Kann man durch die Fütterung aus einem „wilden Feger“ einen „Couch Potatoe“ machen – oder umgekehrt?


Gute Versorgung beginnt im Mutterleib

Schon vor der Geburt sorgt die Ernährung für eine Verhaltensentwicklung der Kitten. Gansloßer beschreibt in seinem Buch „Verhaltensbiologie der Hauskatze“, dass unter- und mangelernährte Mütter (Streuner oder schlecht gehaltene Kätzinnen) weniger mütterliches Verhalten zeigen. Ihre Welpen haben deutliche Wachstumsdefizite im Bereich des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Ausgelöst werden diese Beeinträchtigungen nicht nur durch Hunger im Allgemeinen, sondern durch zu niedrige Eiweißanteile in der Nahrung während der Trächtigkeit und Säugezeit. Selbst wenn die Katzenkinder nach etwa sechs Wochen durch die feste Nahrung einiges ausgleichen können, bleibt dieser Entwicklungsrückstand bestehen. Auch die Verhaltensdefizite lassen sich nicht mehr vollständig ausgleichen. Katerchen sind häufig besonders ruppig im Spiel und Kätzchen klettern weniger und spielen weniger zielgerichtet. Beide Geschlechter zeigen sich aggressiver oder furchtsamer, sind nicht so sozial zu anderen Katzen, entwickeln weniger gute Bindungen zu Mit-Katz‘ und Mensch und sind nicht so lernfähig wie gut ernährte Kitten. Teilweise werden solche Beeinträchtigungen sogar auf die nächsten Generationen weiter vererbt. Leider sind die genannten Verhaltensdefizite erst im fünften oder sechsten Lebensmonat zu erkennen, also wenn die Katzenkinder schon längst zu ihren neuen Besitzern umgezogen sind. Diese müssen sich dann mit den Verhaltensauffälligkeiten ihrer Katzen befassen.

Katzen, die mangelhaft ernährt oder sehr häufig mit rohem Seefisch gefüttert werden, können einen Vitamin B1-Mangel erleiden. Neben körperlichen Auswirkungen (Störungen der Bewegungskoordination, Krampfanfälle) wirkt sich dieser Thiaminmangel auch auf das Verhalten aus, denn Vitamin B wird für die Nervenfunktion dringend benötigt. Katzen mit Vitamin B-Mangel sind entweder auffallend schwach und schläfrig, haben keine Lust zu laufen und kein Interesse an ihrer Umwelt, oder sind im Gegenteil „überdreht“ (mit atopischem Juckreiz, also ohne eine Krankheitsursache) und laufen mit „wackligem“ Gangbild (Ataxie). Diese Katzen sind weniger ausgeglichen und mehr stressanfällig, benötigen also noch mehr „feste“ Rituale und stabile Bindungen. Der Vitamin-Mangel lässt sich zum Glück mit einer hochwertigen Nahrung und einer Vitamin B1-„Kur“ leicht ausgleichen und die Symptome gehen dann zurück. Leider kann es jedoch sein, dass gerade die körperlichen Auswirkungen nicht gänzlich reversibel sind, doch diese Katzen haben trotz ihrer Behinderung Lebensfreude und eine ganz normale Lebenserwartung.

Botenstoffe und ihre Wirkung

Der Hormon- und Aminosäurenhaushalt ist ein sehr fein gestimmtes Instrument des Verhaltens. Am deutlichsten wird dies bei den Geschlechtshormonen, wie es jeder von uns an sich selbst, unseren Mitmenschen (schließlich sind wir auch nur Säugetiere) oder den Tieren feststellt. „Männliches“ und „weibliches“ Verhalten sind auch bei Katzen deutlich zu erkennen, selbst wenn sie kastriert sind. Wobei der Zeitpunkt der Kastration entscheidend für die geschlechtliche Entwicklung ist (siehe „Pfotenhieb“ Nr.1). Aber auch die anderen Botenstoffe sind für die geistige Entwicklung wichtig.

Wer jemals einen Wurf junger Kätzchen gesehen hat, war sicher beeindruckt von den verschiedenen Charakteren der Kitten. Neben individuellen Unterschieden kann man die Kätzchen (wie auch Hundewelpen) recht schnell in zwei verschiedene Typen einteilen. „Typ A“ sind die wagemutigen Entdecker, die das Nest früh verlassen, sich dadurch aber oft in prekäre Situationen bringen, die sie (noch) nicht selbst lösen können. „Typ B“ sind die etwas Zögerlichen und Zurückhaltenden, die allem Neuen erst einmal mit einer gesunden Skepsis begegnen. Interessant an diesen beiden Typen ist die Aktivität der körpereigenen Botenstoffe. A-Typen sind hauptsächlich über das Nebennierenmark Adrenalin– und Dopamin-gesteuert, während B-Typen eher über die Nebennierenrinde Cortisolgesteuert sind. Cortisol klingt nicht nur ähnlich wie Cortison, sondern ist auch chemisch damit verwandt. Erhält eine Katze aufgrund eines medizinischen Problems ein Cortisonpräparat, reagiert sie genauso wie eine, die aus eigenem Hormonstatus heraus cortisolgesteuert ist.

Die Verhaltensauswirkungen des Cortisolsystems sind allgemeine Ak­tivitätsdämpfung bis hin zu depressiver Verstimmung, Lern-, Konzentrations- und Gedächtnisschwäche, Angstreaktionen, Panikverhalten, Angstaggression. Das schwindende Selbstbewusstsein dieser Tiere kann im Laufe einer längeren Stressperiode bis zur sogenannten erlernten Hilflosigkeit führen. Cortisol nennt man daher auch das „Kontrollverlusthormon“.

Einem B-Typ tun tägliche Selbstvertrauen schaffende Beschäftigungen gut: Clickertraining, Fummelbretter oder das erfolgreiche Fangen eines Federspiels sind für solche Katzen besonders wichtig! Die dabei gebildete „Selbstbelohnungsdroge“ Dopamin ist ein wichtiger Gegenspieler des Stresshormons Cortisol, und der positive Kontakt zum Menschen fördert die Bildung von Oxytocin, das ebenfalls Stress dämpfend wirkt.

Darüber hinaus kann über die Ernährung an bestimmten „Hormonschrauben“ gedreht und so dem Stresshormon Cortisol entgegen gewirkt werden. Eine Katze, die sich ihr Futter selbst erjagt, nimmt über das Beutetier alle benötigen Grundlagen auf, die sie bestmöglich verstoffwechseln kann. Kann unser Stubentiger sich nicht selbst versorgen, ist also eine ausgewogene „fleischige“ Nahrung wichtig, die gewissermaßen die gesamte körperliche Zusammensetzung der Maus abbildet. Dazu gehören auch die hormonbildenden Organe wie Schilddrüse, Nebenniere und auch das Gehirn. Um dies auch Wohnungskatzen zu ermöglichen, kann man durchaus ein- bis zweimal pro Woche „Maus“ reichen, denn diese Tiere sind als Frostfutter im Reptilien- oder BARF-Bedarf (im Ganzen oder „gewolft“) leicht zu erhalten.

Auch andere, oft nur in winzigen Mengen vorhandene, Botenstoffe und Spurenelemente wirken sich auf das Verhalten aus. L-Tryptophan und α-Casozepin sind solche Mikronährstoffe, die immer besser erforscht sind und die man gezielt zur Beeinflussung von Verhalten einsetzen kann.

α-Casozepin (Alpha-Casozepin) ist ein Extrakt aus dem Milcheiweiß Kasein und wird aus Magermilch gewonnen. Alpha-Casozepin eignet sich zur positiven Beeinflussung stressbezogener Verhaltensstörungen und hat eine beruhigende Wirkung. Der Schlaf wird verbessert, eine normale Kontaktaufnahme gefördert und auch harnmarkierenden Katzen wird geholfen, ihre Lebensqualität zu verbessern. Alpha-Casozepin zeigt keine unerwünschten Nebenwirkungen und wird von Katzen problemlos mit der Nahrung aufgenommen. Ein Kasein-Extrakt ist unter dem Namen „Zylkène“ als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich.

L-Tryptophan ist eine Aminosäure, die entspannend wirkt. Der Körper produziert sie selbst, aber in manchen Situationen oder individuell bedingt reicht diese Produktion nicht aus. Man kann sie bei allen Stress- und Angstsituationen einsetzen: Sylvester, Gewitter, Reise, Tierarzt… Die Wirkung ist beruhigend, aber nicht ruhigstellend. Die Katze kann anfangs ein wenig „high“ wirken, aber im Regelfall ist sie einfach entspannter. Auch diese Aminosäure gibt es als Nahrungsergänzung z.B. unter den Handelsnamen „Relaxan“ und „Sanal Relax“.

Alle diese genannten Mittel sind keine chemischen Psychopharmaka, sondern natürliche Stoffwechselprodukte. Die Katze wird daher nicht abhängig, und man braucht auch keine Sorgen wegen schädlicher Nebenwirkungen haben. Mit „Valium“ etc. wird das Tier wirklich „abgeschossen“, mit Kasein oder Tryptophan bleibt das Tier geistig „anwesend“, hat aber den extremen Stress nicht mehr.

Alpha-Casozepin und L-Tryptophan sind auch in einem relativ neuen Spezialfuttermittel enthalten, das über Tierärzte vertrieben wird. Es handelt sich dabei um ein Trockenfutter, das gezielt bei gestressten Katzen eingesetzt werden kann. Durch den beruhigenden Effekt soll der Stubentiger mit belastenden Situationen besser umgehen können, beispielsweise in einer Phase der Vergesellschaftung mit anderen Katzen. Laut Hersteller kann der Effekt jedoch nur bei ausschließlicher Fütterung dieser Trockennahrung eintreten, denn nur dann ist die Konzentration der zugesetzten Botenstoffe ausreichend hoch. Hierzu muss kritisch angemerkt werden, dass eine ausschließliche Ernährung mit Trockenfutter wenig katzengerecht ist, da unsere Stubentiger zu wenig trinken, um die fehlende Flüssigkeit wirklich ausgleichen zu können. Außerdem enthält Trockenfutter im Regelfall zu viele Kohlenhydrate aus Getreide, die die Stoffwechselprozesse negativ beeinflussen können. Das Futter könnte auch nur einen beruhigenden Effekt haben, wenn es „rechtzeitig“ vor belastenden Situationen gegeben wird. Bei Katzen mit Gewitterangst oder Furcht vor dem Tierarzt kann eher nicht vorgebeugt werden, Katzen in einer „dauerstressigen“ Tierheimsituation könnten jedoch davon profitieren.

Kräuterkunde und Verhalten

Auch die Pflanzenheilkunde kennt bewährte Heilmittel für Stress- und Angstsituationen. Besonders erwähnenswert ist das Johanniskraut, dessen Extrakt auch bei Katzen gegen depressive Zustände eingesetzt werden kann und dabei angstlösend wirkt. Hopfen- und Ingwerextrakte helfen bei Nervosität, Unruhe und Schlafstörungen. Die Wirkstoffe beeinflussen direkt die Neurorezeptoren und damit den Hormon- und Aminosäurenhaushalt. Hier gilt, dass man seiner Katze nie einfach ein freiverkäufliches Nahrungsergänzungsmittel für Menschen geben darf. Es gibt spezielle Präparate für Katzen, z.B. „Felised“, die man mit dem Futter geben kann. Eine Dosierung muss fein abgestimmt von einer fachkundigen Person vorgenommen werden!

Werden L-Tryptophan, α-Casozepin oder die pflanzlichen Beruhigungsmittel als Nahrungsergänzung gegeben, können sie gezielt in und vor belastenden Situationen eingesetzt und als Tabletten oder Pulver mit einer auf Fleisch basierenden Nassnahrung kombiniert werden. Allerdings sollte der Katzenhalter dies nicht auf eigene Faust, sondern nach einer ausführlichen Beratung durch einen verhaltensmedizinisch geschulten Tierarzt oder Tierheilpraktiker anwenden.

Andrea C. Schäfer
Tierheilpraktikerin/Tierpsychologin
Wuppertal
www.thp-schaefer.de

Erstveröffentlichung „Pfotenhieb“ 3, 2011

Quellen:

Gansloßer, Priv.Doz. Dr. Udo: Verhaltensbiologie der Hauskatze, Filander Verlag

Schroll, Dr. Sabine: Phyto-Psychopharmaka für den Einsatz bei Hund und Katze, in Tierärztefachzeitschrift „kleintier.konkret“ 2010;1

Strodtbeck, Sophie: Stress beim Hund, in Hundefachzeitschrift „Wuff“ 10/2011 (die dort genannten Stoffwechselvorgänge gelten auch für die Katze)