Erwachsenwerden mit Konsequenzen

Die Kastration der Hauskatze unter entwicklungsbiologischen und tierpsychologischen Aspekten

Bei allen Säugetieren stellt die Pubertät einen großen Einschnitt ihres Lebens dar. Dabei bedeutet der Begriff Pubertät lediglich die Entwicklung der Fortpflanzungsfähigkeit. Die geistige Reifung ist mit der körperlichen Entwicklung längst nicht abgeschlossen.

Katzen werden bereits mit etwa fünf bis sechs Monaten fortpflanzungsfähig, allerdings ist dieses natürlich nur ein Richtwert. Es gibt auch Früh- und Spätentwickler. Nach Erreichen der Fortpflanzungsfähigkeit setzt ein weiterer körperlicher und geistiger Schub ein, so dass man eine Hauskatze mit etwa zwölf bis vierzehn Monaten, große Rassekatzen wie Norwegische Waldkatzen oder Main Coon mit etwa 18 Monaten bis zwei Jahren als „erwachsen“ bezeichnen kann.

Beginn und Verlauf der Pubertät sind nach neuesten Erkenntnissen in erster Linie genetisch beeinflusst. Ausgelöst wird sie durch die Sexualhormone. Die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) setzt bei der Kätzin in den Eierstöcken die vermehrte Östrogen- und beim Kater in den Hoden die vermehrte Testosteronproduktion in Gang.

Die Hormonproduktion beginnt aber in geringem Umfang schon weit vor der Pubertät.

Die Fortpflanzungsfähigkeit äußert sich bei den beiden Geschlechtern unterschiedlich:

Die Kätzin wird zum ersten Mal rollig,

Kater entwickeln eine Rivalität gegenüber anderen Katern, werben um das weibliche Geschlecht und markieren ihr Revier.

Die Rolligkeit der Kätzin ist nicht zu übersehen und zu –hören. Nicht selten bietet sie sich regelrecht an, in dem sie einem Kater, aber eventuell auch dem Haushund oder der menschlichen Bezugsperson, ihren Po entgegenstreckt. Streicht man mit der Hand über den Rücken, legt sie den Schwanz zur Seite und den Vorderkörper ab, während sie die Hinterbeine in den Boden stemmt.

Wird eine Katze in dieser Zeit nicht gedeckt, wiederholt sich die Rolligkeit in den Sommermonaten etwa alle drei Wochen, es kann aber auch zur so genannten „Dauerrolligkeit“ kommen. Diese führt zu gesundheitlichen Problemen wie Eierstockzysten und Infektionen durch die gut durchblutete Scheidenwand.

Da der Eisprung der Kätzin erst durch den Begattungsakt ausgelöst wird, haben Katzen keine Menstruation, „bluten“ also nicht.

Beim Kater setzt das Urinmarkieren oft im Alter von acht bis zehn Monaten ein.

Wobei Harnspritzen nicht zwingend ist. Es gibt Kater, die diesen Ausdruck der „Daseinsberechtigung“ gar nicht nutzen, weil beispielsweise kein weiterer Kater im Haushalt lebt, Konkurrenz also nicht vorhanden ist. Auch souveräne ranghohe Kater verzichten auf Markierungen, wenn niemand an ihrem „Stuhl sägt“.

Markierungen haben jedoch nicht nur eine Aussagekraft gegenüber dem eigenen Geschlecht, sondern auch das andere Geschlecht soll damit beeindruckt werden. Übrigens setzen nicht nur Kater Urinmarkierungen, auch Kätzinnen können Duftmarken setzen!

Fortpflanzungsfähig sind Kater meist schon vor dem Beginn des „Spritzens“, was man besonders bei der Haltung von männlichen und weiblichen Geschwistertieren bzw. einer fruchtbaren Katzenmutter beachten sollte.

Ein Zeichen der Geschlechtsreife kann das „Maunzen“ oder „Gurren“ von Katern sein. Ähnlich wie die Kätzin, aber nicht so laut und durchdringend, rufen auch sie nach dem anderen Geschlecht.

Freigängerkater erweitern in dieser Zeit ihr Revier um das drei- bis zehnfache! Es kommt auch zu den ersten Territorial-Kämpfen.

Gerade Kater „entsozialisieren“ sich aber in der Adoleszenz nicht, sie haben meist einen oder mehrere Katerkumpel, wenn eine gewisse Rangfolge geklärt ist. Oft verstehen sich Brüder sehr gut, aber es werden in der jugendlichen Phase auch schnell Freundschaften zwischen fremden Katern geschlossen, wenn es keine Rivalität um Futter, menschliche Zuwendung oder Spielzeug gibt.

Die Pubertät ist jedoch nicht auf die körperliche Entwicklung beschränkt. Die geistig-seelische ist vielleicht sogar die bedeutendere Veränderung!

Alle Säugetiere durchlaufen dieselben Prozesse, auch wir Menschen kennen die Pubertät und daraus erwachsenden Veränderungen.

Während dieser Lebensphase finden sehr wichtige Umbauprozesse im Gehirn statt, die von der erhöhten Hormonausschüttung ausgelöst und begleitet werden. Die neuronalen Verknüpfungen, die in der Säuge- und Welpenzeit angelegt wurden, werden in der Jugend völlig neu geknüpft!

Wenn ein Junghund in der Pubertät scheinbar alle Kommandos vergessen hat und die Ohren „auf Durchzug“ stellt, so liegt das nicht an einer „Unlust“, sondern das Tier kann uns in der Phase womöglich gar nicht lauschen, weil seine Biologie es unmöglich macht.

So ergeht es auch unseren Katzen.

Wie bei menschlichen Pubertierenden neigen auch Katzen in dieser Phase des Erwachsenwerdens zu Launenhaftigkeit und Stimmungsschwankungen.

Schon als Kitten zeigen Katzenkinder unterschiedliches Spielverhalten. Die Kätzin liebt eher Objektspiele, bei denen sie verfolgen und Beute machen kann. Kater lieben es zu raufen und toben lieber mit ihren Geschwistern herum. Mit wenigen Wochen ist das Spielverhalten jedoch noch sehr ausgeglichen, der ganze Wurf tobt und spielt unabhängig vom Geschlecht.

In der Pubertät verstärkt sich dieser Verhaltensunterschied jedoch. Das weibliche Spielverhalten ist Training für ihre zukünftige Mutterschaft, da sie ja nicht nur sich, sondern auch eventuellen Nachwuchs versorgen muss. Die Kätzin legt daher Wert auf ein Territorium, leicht zugängliche Nahrungsquellen und allgemein gute Versorgung.

Kater reiten mit Verlauf der Pubertät häufiger auf, und zwar egal bei welchem Geschlecht. Dies hat mit beginnenden Rangordnungstendenzen der Kater zu tun, wird aber zunehmend auch sexuell motiviert und dann zunehmend bei Kätzinnen gezeigt. Und hier besteht eine Gefahr, weil man dem jungen Kater nicht ansieht, ob er nur im Spiel seine Dominanz demonstrieren will oder schon funktionsfähiges Sperma übertragen kann.

Leider gibt es nur sehr wenig wissenschaftliches Material zur Entwicklungsbiologie der Katze. Da jedoch die Pubertät des Menschen gut erforscht ist, und auch zur Reifung des Hundes inzwischen Veröffentlichungen vorliegen, kann man die gewonnenen Erkenntnisse gut auf die Katze übertragen. „We’re nothing but mammals…“ Das bekannte Lied „Bad Touch“ der Band „Bloodhound Gang“ könnte es nicht besser ausdrücken!

Kastration

Da unsere Haustiger schon so früh fortpflanzungsfähig, aber noch längst nicht reif für eine Elternschaft sind, stehen wir Menschen in der Verantwortung, ungewollten Nachwuchs zuverlässig zu verhindern.

Das Mittel der Wahl ist heutzutage die Kastration beider Geschlechter. Hierbei werden Hoden und Eierstöcke entnommen und die Produktion von Geschlechtshormonen stark eingedämmt, um die Fortpflanzung zu verhindern. Eine Rest-Produktion erfolgt weiterhin durch die Nebennierenrinde.

Bei der Sterilisation werden lediglich die Leitungsbahnen der Keimdrüsen unterbunden, sprich Eierstöcke und Hoden bleiben erhalten. Die Tiere haben weiterhin ihren normalen Geschlechtstrieb und paaren sich, jedoch ohne Nachwuchs zu produzieren.

Kastrierte Kater verlieren ihre Fortpflanzungsfähigkeit spätestens nach etwa vier Wochen, da sich eventuell noch Spermien in den Samenleitern oder im Ejakulat befinden können (diese zeitliche Lücke gilt es daher zu überbrücken, z.B. durch getrennte Haltung der Geschlechter, die „Pille“ für die Kätzin bzw. Verbot des Freigangs!). Da die Kätzin nach der Kastration keinen Eisprung mehr haben kann, ist sie sofort nach der Operation unfruchtbar.

Für kastrierte Kätzinnen ändert sich in ihrem Sozialverhalten wenig. Sie werden weiterhin ihre sozialen Beziehungen pflegen und ihre Reviere in Anspruch nehmen und verteidigen. Die geschlechtsinterne Rangordnung legen Kätzinnen nicht strikt daraufhin fest, ob eine Fortpflanzung möglich ist oder nicht.

Für Freigänger-Kater ändert sich aber fast alles! Durch die hormonelle Umstellung verändert sich die Rangordnung der Männchen. Der bislang ranghohe, aber jetzt kastrierte Kater wird nicht mehr um die sexuelle Vorrangstellung kämpfen. Auch das „Harnspritzen“ wird sich entweder gar nicht entwickeln oder aber verringern. Kater, die vor der Kastration ausgiebig markiert haben, stellen dieses Verhalten aber häufig auch nach der Kastration nicht ein! Ein kastrierter Kater ist natürlich für die Kätzin nicht mehr sexuell attraktiv, auch wenn weiterhin eine gute Freundschaft bestehen kann.

Kastrierte Kater verringern ihr Streifgebiet dramatisch, denn der Trieb, die Gene weiterzugeben, ist ja genommen. Dies ermöglicht potenten Katern, zuzuwandern, das bisherige Revier des vorigen „Amtsinhabers“ zu übernehmen und an seiner Stelle die Damenwelt zu beglücken. Biologen raten daher, die Kater in Freilauf- bzw. Streunerpopulationen lediglich zu sterilisieren, was auch den Tierschutzorganisationen empfohlen wird!

Grundsätzlich bedeutet die Kastration eine Wegnahme von Organen. Ein derartiger Eingriff ist gesetzlich verboten, außer aus medizinischen Gründen.

Auch zur Populationskontrolle gilt das Rechtsprinzip des minimalst erfolgreichen Eingriffs, was zumindest für den Kater im Regelfall die Sterilisation bedeutet.

Beim Hund wird die Kastration sehr kontrovers diskutiert und von Biologen in den meisten Fällen für unnötig befunden. Bei Haushunden ist jedoch die Fortpflanzung durch den Menschen sehr gut steuerbar und kann relativ leicht unterbunden werden.

Bei den Katzen muss man die Situation differenzierter sehen. Eine reine verhaltensbedingte Kastration ist auch hier vom Tierschutzgesetz nicht gedeckt.

Da der Eisprung bei der Kätzin erst durch den Paarungsakt ausgelöst wird, hat sie keine „störende“ Blutung.

Wer einen potenten Kater hält, kennt natürlich das Thema des Katergeruchs und der Harnmarkierungen. Aber auch dies gehört zur Natur und darf nicht pauschal als Kastrationsgrund dienen!

Als Mieter kann man es nicht zulassen, dass das Haustier die Wohnung ruiniert, was bei ausgiebigem Harnmarkieren durchaus geschehen kann.

Allerdings können auch kastrierte Katzen harnspritzen, gleich welchen Geschlechts! Dies ist dann oft eine Reaktion auf Stress oder unzureichende Haltungsbedingungen. Die Kastration ist also nicht unbedingt eine „Vorsorgemaßnahme“. Hier sollte eine fundierte tierpsychologische Beratung die Ursache für das Markieren klären.

Kastrierte Kater leben deutlich gesünder, da sie sich nicht um Weibchen prügeln oder liebestoll in Autos laufen und wesentlich kleinere Streifgebiete haben. Oft werden sie auch häuslicher und verschmuster. Streit mit der Nachbarschaft über lautes Liebeswerben hat ein Ende. Kastrierte Kater können natürlich keinen Hodenkrebs mehr bekommen, und leiden nicht unter Prostataproblemen.

Vor allem wird die Gefahr der Verletzung in Katerkämpfen gebannt, die nicht nur auf dem Tisch des Tierarztes landen, sondern die Gefahr der Ansteckung mit FeLV („Leukose“) oder dem FI-Virus („Katzen-AIDS“) birgt.

Nicht vergessen sollte man jedoch, dass die nicht für die Sexualität benötigte Energie abreagiert werden muss! Männliche Kastraten werden bei nicht genügender Auslastung durch Spiel oder Beutefang gern zu „Stänkerern“ und schaffen Unfrieden in einer Katzengruppe, wie es schon Paul Leyhausen in seinem Buch „Katzenseele“ beschrieben hat.

Bei der Kätzin verhindert die Kastration die Rolligkeit und damit die gesundheitsgefährdende Dauerrolligkeit. Zudem schränkt sie hormonell bedingte Krankheiten wie Eierstockzysten und Gebärmutterentzündungen oder Gesäugetumoren ein. Durch den Nackenbiss bei der Paarung kann sich auch die Kätzin mit dem tödlichen Katzen-AIDS-Virus anstecken.

Bei beiden Geschlechtern resultiert aus einer Kastration also eine höhere Lebenserwartung.

Natürlich kann es auch bei diesem Eingriff zu Nebenwirkungen kommen. Jede Operation birgt grundsätzlich ein Narkoserisiko.

Vor allem die Kätzin kann nach der Kastration zur Harninkontinenz neigen, wenn die entsprechenden Bänder und Muskeln verletzt werden.

Das Argument, dass kastrierte Katzen dick werden sollen, hört man häufig. Ja, das stimmt, aber nur, wenn dem niedrigeren Energiebedarfs nicht in der Ernährung Rechnung getragen wird.

Die Mär, dass Kastraten schlechte Mäusefänger seien, ist wissenschaftlich längst widerlegt. Kätzinnen sind sowieso das eher beutefang-motivierte Geschlecht, bei ihnen ändert sich also nichts. Kater dagegen lenken den fehlenden Sexualtrieb häufig um und werden dann recht eifrige Jäger! Alternativ muss man Wohnungskatern ein abwechslungsreiches Spielprogramm bieten, denn irgendwo muss die aufgestaute Energie ja hin!

Eine Kastration der Kätzin möchten vor allem Züchter gerne vermeiden, falls diese doch noch einmal Junge bekommen soll. Diese Katzen bekommen dann die „Pille“. Für einen gewissen Zeitraum von wenigen Monaten ist dies gesundheitlich unbedenklich, doch bei langjähriger Gabe kommt es häufiger zu Gebärmuttervereiterung und Gesäugetumoren. Soll eine Kätzin längere Zeit oder dauerhaft aus der Zucht genommen werden, sollte man die Operation nicht scheuen!

Die Frühkastration

Aus den USA kommend hat sich seit einigen Jahren auch in Europa ein Trend zur Frühkastration entwickelt, bei dem der Eingriff vor dem Eintreten der Geschlechtsreife vorgenommen wird. Dieses kann aber die Kastration im Alter von wenigen Wochen bis zu etwa vier Monaten bedeuten – ein riesiger Unterschied! Während wir es bei einem gerade mal vollständig entwöhnten Kätzchen mit einem Kind, biologisch vergleichbar einem drei- bis vierjährigen Menschen zu tun haben, ist die vier Monate alte Katze körperlich und geistig wesentlich reifer, vergleichbar einem Jugendlichen.

Da man Säugetiere gut vergleichen kann, sollte man sich zur Beurteilung der Frühkastration das Schicksal der jungen Sänger ansehen, die vor allem im 15. bis 18. Jahrhundert zum Erhalt ihres Sopran oder Alt in einem erwachsenen Körper („Falsett“) vor Eintritt in den Stimmbruch entmannt wurden. Es sollte damit eine Stimme geschaffen werden, die „alles Menschenmögliche übersteigt“. Bekannt wurde diese Praxis in neuerer Zeit durch den Film „Farinelli“. Körperlich erreichten die meisten Kastraten eine damals übliche Körpergröße, blieben jedoch knabenhaft ohne Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale. Diese Männer trugen schwere seelische Schäden davon, in der damaligen Gesellschaft kein „richtiger“ Mann zu sein.

Nun mag man einwenden, was das mit den Katzen zu tun habe. Sie können doch nicht reflektieren, was ihnen durch die Kastration „entgeht“…

Aufbauend auf die Arbeiten von Marc Bekoff beschäftigen sich immer mehr Wissenschaftler mit dem Gefühlsleben der Tiere und fördern Erstaunliches zutage.

Einen Eindruck von Geschlechtlichkeit haben Katzen sicherlich, gerade Kater zeigen häufig deutlich „männliches“ Verhalten in der Interaktion mit Kätzinnen und anderen Katern.

Die einzig bekannte größere Studie zum Thema Frühkastration der Katze wurde von 1991 bis1992 mit späteren Nachuntersuchungen in den USA durchgeführt. Sie wurde im deutschsprachigen Raum vor allem durch die Übersetzung einer Zusammenfassung der Biologin Diana Cruden bekannt.

Die als „WinnFeline-Studie zur Frühkastration“ bekannten Erkenntnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Untersucht wurden drei Gruppen von Katzen. Die erste wurde im Alter von 7 Wochen kastriert, die zweite nach 7 Monaten, die dritte erst nach Ausreifung im Alter von 12 Monaten.

Das Narkoserisiko ist bei sehr jungen Tieren etwas höher, da der Atemapparat noch nicht voll entwickelt ist

Da der Körper noch klein und nicht ausgewachsen ist, muss der Tierarzt größere Sorgfalt bei der Operation walten lassen.

Früh kastrierte Kater haben einen verzögerten Epiphysenschluss, d.h. die langen Röhrenknochen wachsen längere Zeit und die Tiere werden dadurch größer als spät kastrierte Kater (eine erhöhte Neigung zu Brüchen ergibt sich dadurch nicht, aber es könnte Veränderungen der Knochendichte geben, stellt Gerd Möbius von der Uni Leipzig im Jahr 2009 fest).

Kastrierte Katzen sind allgemein ebenso aktiv wie unkastrierte.

Kater, die erst mit 12 Monaten (also in ausgereiften körperlichen Zustand) kastriert wurden, sind im Verhalten deutlich aggressiver und weniger anhänglich als Kater, die mit 7 Wochen oder 7 Monaten kastriert wurden.

Es gibt keinen Unterschied im Harnröhrenumfang des Katers. Alle Kater haben eine Neigung zu Harnsteinen – egal, ob und wann sie kastriert werden.

Ein großer Unterschied zeigt sich in der Ausprägung der primären Geschlechtsorgane, also beim Kater Entwicklung des Penis mit den „Widerhaken“ und der Vorhaut, bei der Kätzin die Entwicklung der Scheide und Gebärmutter. Bei beiden Geschlechtern blieb die Entwicklung auf einem kindlichen Niveau, was aber auch bei einer Nachuntersuchung nach fünf Jahren keine körperlichen Probleme machte.

Auf die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale wurde hier nicht eingegangen.

Es wird jedoch häufig berichtet, dass vor allem beim Kater die Ausbildung der „Katerbacken“ und bei beiden Geschlechtern das „erwachsene“ Haarkleid weniger oder gar nicht ausgeprägt sind. Frühkastraten bleiben deutlich „kindlich“. Und das eben nicht nur körperlich, sondern auch im Verhalten.

Das Größenwachstum der frühkastrierten Kater erklärt man sich so, dass es durch den Wegfall der auch das Wachstum regulierenden Sexualhormone zu dem bereits erwähnten verzögerten Epiphysenschluss kommt.

Die Erfahrungen von Züchtern und Tierärzten mit der Frühkastration unterscheiden sich essentiell.

Die Abessinier-Züchterin Resa Bauer-DeMeyere schrieb 1998: „Die Frühkastration von Liebhabertieren, bevor sie in ihr neues Zuhause gebracht werden, macht jedem das Leben einfacher, insbesondere das der Katze!“. Sie beschreibt, dass die frühkastrierten Kätzchen weniger Schmerzen zu haben scheinen als die später kastrierten, und dass sie sich auch deutlich schneller von der Operation erholen.Frühkastraten neigen ab und an zu idiopathischem Durchfall (also aus einer schulmedizinisch nicht feststellbaren Ursache), der aber durch die Ernährung gut beeinflussbar sei.

Ein Tierarzt berichtet, die Operation ist einfacher, da die Keimdrüsen frei liegen
und noch nicht von Fettgewebe überlagert sind. Allerdings sind ein kleiner Eingriff und eine schnelle Operation wichtig, da der kleine Körper extrem schnell auskühlt und es dadurch Komplikationen kommen kann. Da aber auch die Blutgefäße kleiner sind, kommt es zu weniger Blutungen.

Eine Züchterin von Sibirischen Waldkatzen aus Berlin berichtete im persönlichen Gespräch, dass sie keine körperlichen Unterschiede ihrer Frühkastraten zu später oder gar nicht kastrierten Katzen sehe. Ihre gezüchteten Kater seien trotz Frühkastration „ganze Kerle“, mit Katerbacken und gesundem „männlichen“ Verhalten. Bei den Kätzinnen sehe sie ebenfalls keine Unterschiede. Da sie mit den Käufern ihrer Nachzuchten in Kontakt bleibt, könne sie deren Entwicklung über viele Jahre verfolgen.

Schauen wir aber nochmal auf die Biologie. Leider sind wir hier wieder auf Aussagen zum Hund angewiesen, die sich aber auf die Katze übertragen lassen, denn die chemischen Prozesse sind bei allen höheren Säugetieren gleich.

Udo Gansloßer und Sophie Strodtbeck beschreiben im Februar 2011 im „Schweizer Hundemagazin“ die Neurobiologie als Wechselwirkung zwischen Hormonen, Botenstoffen im Gehirn und dem Immunsystem. Durch die komplexen Regelkreissysteme innerhalb des Hormonsystems wird nicht nur der Sexualhormonspiegel beeinflusst. Hunde sind erst im Alter von mehreren Jahren erwachsen, rasseabhängig kann dies bis zu drei bis vier Jahre dauern. Hündinnen sind erst nach dem vollständigen Durchlaufen der dritten Läufigkeit, einschließlich anschließender Scheinschwangerschaft und Scheinmutterschaft, als erwachsen anzusehen, und die Entwicklungsgeschwindigkeit des Rüden unterscheidet sich kaum von der Hündin. „Daher sind die Auswirkungen einer Kastration auch im zweiten Lebensjahr noch durchaus bedeutsam.”

Die genannten Daten muss man nun auf die Katze herunter rechnen, denn sie ist früher erwachsen als der Hund.

Außerdem gibt es bei der Kätzin natürlich nicht das Problem der Scheinschwangerschaft.

Die Autoren erläutern dann die Wirkung der Sexualhormone.

Die bereits erwähnten „Pubertätsgene“ aktivieren das Hormon Gonadotropin, und dieses aktiviert die Produktion der Geschlechtshormone. Als Folge werden Schilddrüsenhormone ausgeschüttet, die z.B. für das Längenwachstum zuständig sind.

Besonders wichtig sind Sexualhormone für die Entwicklung des Nervenwachstums. Vor allem betrifft dies die Auswirkungen auf die Lernfähigkeit. In der Pubertät finden umfangreiche Umbauprozesse statt: Synapsen werden abgebaut – jedoch vergrößern sich die Nervenzellen und die Verknüpfungen werden optimiert. Außerdem beschleunigt sich die Reizweiterleitung. Es wird gewissermaßen eine „Datenautobahn“ geschaffen. Diese Vorgänge wirken sich besonders deutlich in der Großhirnrinde aus, die für die Bewertung von Außenreizen und das Problemlösungsverhalten zuständig ist. Säugetiere können dadurch besser lernen, können Lernerfahrungen bewerten und sie zur Grundlage ihres Handelns machen. Dies wird unterstützt durch die „Selbstbelohnungsdroge“ Dopamin.

Begleitend werden die Verknüpfungen im „Limbischen System“, einem Hirnanteil, der für die „Emotionen“ zuständig ist, heruntergefahren und damit rationales und strategisches Handeln ermöglicht.

In der Pubertät erhöht sich auch die Aktivität der Nebennierenrinde, die das „Stresshormon“ Cortisol produziert. Dieses Hormon führt im Zusammenspiel mit den Sexualhormonen zu den Stimmungsschwankungen des „Pubertierenden“, wie wir es auch von uns Menschen kennen.

Diese Zusammenhänge zwischen Sexualhormonen und der Entwicklung des Gehirns machen deutlich, warum Halter von frühkastrierten Tieren häufig „Kindsköpfigkeit“ und (vor allem beim Hund) „Lernschwäche“ bemerken. Ein „Nebenschauplatz“ dieser ganzen hormonellen Vorgänge ist auch das Immunsystem, das bei frühkastrierten Tieren häufig beeinträchtigt ist.

Sexualhormone wirken durch ihren Einfluss auf das Limbische System außerdem angstlösend. Bei Tieren, die generell ängstlich und schnell gestresst sind („Cortisol-Typen“) sind, fehlt durch die Kastration die beruhigende Wirkung dieser Hormone.

Cortisol wirkt sich dämpfend auf die Lernfähigkeit aus, so dass ängstliche Typen auch schlechter aus Erfahrungen lernen können. Sie sind dann die „Pessimisten“ unter den Katzen und werden eher scheu und zurückhaltend an Neues herangehen. Diese Katzen haben auch ein geringes Selbstbewusstsein und tun sich schwer mit Veränderungen jeglicher Art. Sie mit entsprechendem Spielangebot und positiven Erfahrungen zu fördern ist eine große Aufgabe für den (zukünftigen) Halter!

Bei der Kätzin kann es selten durch ein Überangebot von Östrogen zu einer generellen Übererregung und Reizbarkeit kommen. Hier kann die Kastration ausnahmsweise ausgleichend wirken. Dies sollte jedoch durch eine Kontrolle des Hormonstatus im Blut verifiziert werden.

Sexualhormone dämpfen das Jagd- und Beutefangverhalten. Da Kätzinnen jedoch von Natur aus beutemotiviert sind, wirkt sich die Kastration hier vor allem bei Katern aus. Sie werden daher häufig nach der Kastration passionierte Jäger.

Auch nach der Kastration werden Sexualhormone produziert, da ja die Hypophyse und die Nebennierenrinde in ihrer Funktion nicht beeinträchtigt sind. Allerdings ist die Konzentration der Hormone im Blut naturgemäß recht gering, und kann dann z.B. den Cortisol-Einfluss nicht wirklich aufheben. Je älter ein Tier bei der Kastration ist, desto ausgleichender und Selbstbewusstsein-schaffend wirken sich die Hormone aus.

Gerd Möbius von der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig spricht sich in seinem Artikel: “Die Kastration beim Hund – Indikationen unter dem Blickwinkel des Tierschutzgesetzes”
ebenfalls gegen die Frühkastration aus. Die präventive Wirkung auf die Entstehung von Mammatumoren (Gesäugeleistenkrebs) stehe den Risiken der Komplikationen und unerwünschter Effekte gegenüber. Angeführt werden hier vor allem Inkontinenz und fehlende geschlechtliche Ausreifung mit einer Beeinflussung der körperlichen und charakterlichen Entwicklung. Es sei medizinisch schwer zu rechtfertigen, ein gesundes Organ prophylaktisch zu entfernen, das zur physiologischen Ausreifung essentiell ist (Möbius zitiert hier Günzel-Apel 1998).

Die Autoren der Katzen-Website des Futtermittelherstellers „Royal Canin“ stellen fest:

Bei der Frühkastration werde das Verhalten negativ beeinflusst, heißt es oft. Durch die Kastration ändert sich grundsätzlich das Verhalten – egal, zu welchem Zeitpunkt die Kastration durchgeführt wird. Die Tiere werden in der Regel anhänglicher und passen ihr Leben stärker an den Menschen an. Früh kastrierte Tiere erleben die sexuelle Reife nicht, so dass hier oft von besonders verspielten, „welpenhaften“ Tieren berichtet wird.

Fazit

Aus den genannten biologischen Gründen sollte eine Unfruchtbarkeit der Katze so spät wie möglich herbeigeführt werden.

Aus Tierschutzaspekten ist die Sterilisation vorzuziehen, vor allem beim Kater. Wenn dennoch kastriert wird, sollte die Operation so spät wie möglich erfolgen, damit das Tier körperlich und geistig reifen kann.

Allerdings muss jede Operation zu einem Zeitpunkt vorgenommen werden, bevor die Katze ungewollten und unerwünschten Nachwuchs produzieren kann – bzw. die Reproduktion muss solange zuverlässig verhindert werden!

Eine Frühsterilisation beim Kater bzw. -kastration bei der Kätzin ist daher vor allem zum Eindämmen der wildlebenden Streunerpopulationen sinnvoll. Dies ist auch die biologisch günstigste Möglichkeit auf Bauernhöfen, wo man sich häufig nur unzureichend um die Katzen kümmert. Allerdings, und dies ist besonders wichtig: die Frühkastration sollte nicht vor dem 4. Monat vorgenommen werden, um den Katzenkindern zumindest eine hohe Chance auf eine artgemäße Entwicklung geben zu können.

Wir Menschen können uns nicht anmaßen, ohne Not über ein anderes Lebewesen zu bestimmen. Auch unsere Katzen haben ein Recht darauf, erwachsen werden zu dürfen. Die Schaffung von lieben, anschmiegsamen und „niedlichen“ Katzen aus Bequemlichkeitsgründen ist ethisch genauso zu verurteilen wie die einstige Verstümmelung der Kastraten-Sänger.

Es liegt in unserer Verantwortung, unseren Stubentigern ein ihrer Biologie und Natur entsprechendes Leben zu ermöglichen – und dabei nicht zu vergessen, dass jede ungewollte und ungeliebte Katze eine zuviel ist!

Angaben im Sinne des Presserechts:

Andrea C. Schäfer
www.thp-schaefer.de
Tierpsychologin/Tierheilpraktikerin

Mai 2011, Erstveröffentlichung in „Pfotenhieb 1“,
dies ist eine erweiterte Fassung des Buchartikels

P.S.: die beiden Wohnungskatzen der Autorin sind kastriert. Der Kater wurde bereits mit 5 Monaten kastriert, weil er körperlich und geistig extrem frühreif war, und bereits versuchte seine Schwester zu decken. Die Kätzin mit etwa 6 Monaten, da bereits die erste Rolligkeit in eine Dauerrolligkeit mündete und zu zahlreichen Zysten an den Eierstöcken führte.

Quellen:

  • Bauer-DeMeyere, Resa (Murteza Abessinier), Artikel zur Frühkastration
    veröffentlicht in „TICA TREND“, Ausgabe April/Mai 1998
  • Bloomberg, Mark S. DVM, MS; Stubbs, W.P., DVM; Senior, D.F. BVSc; Lane, Thomas J. BS, DVM;: Developmental and Behavioral Effects of Prepubertal Gonadectomy. Funded by the Winn Feline Foundation, February 1991. Continuation funded February 1992.
    Zusammenfassung von Cruden, Diana Ph.D. (deutsche Übersetzung von Amy Stadter)
  • Kalz, Beate Dr.: “Populationsbiologie, Raumnutzung und Verhalten verwilderter Hauskatzen und der Effekt von Maßnahmen zur Reproduktionskontrolle
  • Gansloßer, Udo PD Dr.: Seminar „Auswirkungen der Kastration beim Hund“, Düsseldorf 2007
  • Gansloßer, Udo PD Dr. / Strodtbeck, Sophie: „Neurobiologische Aspekte der Kastration beim Hund“,
    veröffentlicht in „Schweizer Hundemagazin“, Ausgabe 02/2011
  • Möbius, Gerd: “Die Kastration beim Hund – Indikationen unter dem Blickwinkel des Tierschutzgesetzes”, , veröffentlicht in “kleintier.konkret”, Ausgabe S1-2009
  • Turner, Dennis PD Dr. „Turners Katzenbuch“ und „The Domestic Cat: The biology of its behavior”
  • Deutscher Tierschutzbund, www.tierschutzakademie.de/00820.html
  • http://www.royal-canin.de/katze/die-katze/kastration-der-katze/der-richtige-zeitpunkt.html